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Blutige ethnische Konflikte in der Stadt der Freude und des Glücks (Churramobod) - Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de (in German)

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Blutige ethnische Konflikte in der Stadt der Freude und des Glücks

Andrej Wolos Russe; über Tadshikistan
Churramobod
Stadt der Freude
Roman in punktierter Linie
Aus dem Russischen von Alfred Frank
Berlin Verlag, Berlin 2000, 395 S.


Churramobod ist ein Ortsname, der in vielen persischen und turksprachigen Märchen vorkommt. Wörtlich übertragen bedeutet er Stadt der Freude und des Glücks - eine von Grün und Frohsinn erfüllte Stadt.

Zu Beginn des Romans erklimmt eine Großmutter mit ihrem Enkel einen hohen Berg, um zum Friedhof und zum Grab ihres Mannes zu gelangen. Der Weg fällt der alten Frau unendlich schwer, sie stützt sich auf ihren Stock und auf ihren Enkel: "Sie stützte sich fest auf seinen Arm - fester, als es sein müßte. In Wirklichkeit war das Gehen so kaum weniger qualvoll, dieses Sich-stützen-Können verschaffte ihr allenfalls moralische Erleichterung. Für ihn freilich war es besser, das Gefühl zu haben, seine Hilfe sei unentbehrlich. Ohne ihn hätte sie sich ja wirklich nicht hierhergetraut. Mit solchen Beinen macht es wahrlich keinen Spaß." Aus dem Gespräch mit ihrem Enkel erfahren wir, wie es sie, die Russin hierher ins mittelasiatische Tadshikistan verschlagen hat... Man ist als Leser angetan von der Großmutter und ihrem Enkel, auch von der Sprache des Andrej Wolos, und man ist gespannt, wie es mit den beiden weiter geht. Aber im Laufe des Lesens wird einem klar, dass "Roman in punktierter Linie" wohl heißen soll: (Zwölf) in sich abgeschlossene Geschichten, zusammengehalten dadurch, dass sie sich im gleichen Ort, in Churramobod, abspielen oder von Menschen aus Churramobod handeln...

Andrej Wolos´ Vater kam als Geologe nach Tadshikistan, der Sohn Andrej wurde 1956 in Tadshikistans Hauptstadt Duschanbe geboren, er ist Russe.

Von der Sowjetunion gerufen, waren viele Russen Ende der zwanziger Jahre hierher gekommen, um Kraftwerke zu errichten, feinfaserige Baumwolle anzubauen, Menschen medizinisch zu behandeln, Uran und Gold zu fördern, Posten im Parteikomitee zu bekleiden und als Verbannte Kanäle zu graben. Nachdem auch Tadshikistan 1991 seine Unabhängigkeit erklärt hatte, begann für die Russen, die mit fünfzehn Prozent drittgrößte Bevölkerungsgruppe in der nunmehrigen Republik Tadshikistan, die Zeit von Rückzug und Vertreibung. Von den teils blutigen und grausamen Auseinandersetzungen zwischen Tadshiken und Russen handelt dann auch dieses Buch. Es ist das erste belletristische Werk eines Russen in deutscher Übersetzung, das die blutigen ethnischen Konflikte nach dem Zerfall der Sowjetunion zum Inhalt hat.

Die ersten Geschichten des "Romans in punktierter Linie" spielen noch zu Sowjetzeiten, man lernt die faszinierende tadshikische Landschaft kennen und erlebt das normal-friedliche Miteinander von Tadshiken und Russen. Die Tadshiken leben in einer der südlichsten Regionen der auseinander gebrochenen UdSSR. Ihre gebirgige Republik grenzt unmittelbar an Afghanistan und wird von etwa vier Millionen Menschen bewohnt, größtenteils von Tadshiken, die eine Varietät des iranischen Forsi (Farsi) sprechen. Wolos streut viele tadshikische Wörter und ganze Sätze in seinen Text ein, die am Ende des Buches übersetzt werden. Bis zur Eroberung des Landes durch die Araber im 8. Jahrhundert waren die Vorfahren der heutigen Tadshiken Feueranbeter. In seinen heutigen Grenzen ist Tadshikistan kein homogenes Ganzes. Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass sich die Tadshiken in mehrere territoriale Gemeinschaften untergliedern. Jeder Landesteil besitzt seine Eigenheiten. Lieder, Tänze, Kleidung - alles unterscheidet sich, ebenso die nationalen Eigenschaften. Obwohl alle Tadshiken die gleiche Sprache sprechen, unterscheiden sich die Dialekte in Chudshand, Kulog, Hissor, Gharm und im Pamir erheblich.

In der Erzählung "Die Schildkröte" unterhalten sich Russen und Tadshiken über die nationalen Konflikte in Aserbaidshans Baku, in Berg-Karabach und im Ferganatal. Man ist empört, dass Armenier, die schon seit langem in Aserbaidshan leben, massakriert und aus ihren Häusern gejagt werden, und dass die türkischen Mescheten (sprich: Mes´cheten, das sind islamisierte Georgier) aus dem usbekischen Ferganatal vertrieben und ermordet werden. Der Tadshike Nuriddin, empört über soviel Unrecht, sagt: "Bei den Tadshiken wird es niemals so etwas geben (...). Niemals!"

Dann wird in Churramobod publik, dass viertausend Armenier als Flüchtlinge kommen werden. Und als das Gerücht wie ein Lauffeuer durch die Stadt eilt, dass diese Flüchtlinge ganz schnell Wohnungen erhalten sollen, auf die so manche Einheimische schon jahrelang warten, kommt es, sozusagen über Nacht, zur Pogromstimmung gegenüber allen "Fremdlingen" im Land, vorrangig gegenüber den Russen. Aber auch untereinander sind die Chudshander, die Kulober, die Gharmer, die Hissor und die aus dem Pamir miteinander verfeindet, schimpft man doch über die vom Pamir in Churramobod, dass sie "noch dümmer als die Russen" seien. Bis zur Revolution, dem Ausbruch der Sowjetära, war keiner auf den Gedanken gekommen, aus den so verschiedenen Territorien ein einheitliches Staatengebilde formen zu wollen. Jedes einzelne Gebiet wurde von einem Beg, einem Protegé des Emirs von Buchara (das seinerzeit noch zu Tadshikistan gehörte), verwaltet. 1929 kam es mit der Gründung der Tadshikischen SSR zum zwangsweisen Zusammenschluss dieser heterogenen Territorien. Und so waren nach dem Zerfall der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken Konflikte vorprogrammiert. Ab 1991 brechen diese ethnischen Konflikte dann auch auf, sie halten bis heute an, schon mehr als ein Jahrzehnt.

Andrej Wolos, in Tadshikistan als Geophysiker tätig, hat sie zum Teil selbst miterlebt, im Berliner Haus der der Kulturen der Welt erzählt er davon während seiner Buchlesung. Deshalb wohl auch hat sein Buch viele Reportageelemente, obwohl es eigentlich ein rein literarisches Werk werden sollte. Dennoch: Wolos Geschichten bewegen - zum Beispiel die von einem Mann, der sieben Jahre lang an seinem Haus baute und dann von mafiosen Tadshiken daraus vertrieben wird; oder die Geschichte, in der ein Gangster ein Mädchen in einen afghanischen Harem entführt und im Tausch mit zwanzig Maschinenpistolen zurückkehrt; oder die Geschichte, in der ein Journalist als Geisel erschossen wird, weil er in die Fehde zweier Feldkommandeure geraten ist...

Nach der Buchlesung von Andrej Wolos sagte ein Zuhörer: "Bisher konnte ich nicht verstehen, wie es nach dem Zerfall der Sowjetunion zu solchen ethnischen Auseinandersetzungen kommen konnte, jetzt ist mir vieles klar geworden."

Churramobod von Andrej Wolos, der heute als Schriftsteller in Moskau lebt, wurde 1998 mit dem russischen Anti-Booker-Preis ausgezeichnet.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de