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Der gefährliche Reiz des Fremden (“Churramobod”) - Seminar für Slavistik | Lotman-Institut, NZZ 94, 20/4/2000 (in German)

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Der gefährliche Reiz des Fremden

Andrej Wolos’ Roman über Russen in Tadschikistan


Bei westlichen Verlagen scheint es ein ungeschriebenes Gesetz zu geben: Je eleganter die grafische Aufmachung eines Buchs, desto dürftiger der Inhalt. Dass bei dieser Regel auch der Umkehrschluss gilt, zeigt die deutsche Ausgabe von Andrej Wolos’ Roman “Churramobod”. Das Buch verfügt über einen höchst unattraktiven Umschlag: Die ungezügelte
Experimentierlust der Grafiker lässt den Namen des Autors und den Buchtitel in einem Chaos von Farben, Symbolen und Buchstaben untergehen, das wohl orientalisch wirken soll. Hinter diesem Aschenputteloutfit verbirgt sich allerdings ein Stück Literatur, das zum Besten gehört, was in den letzten zehn Jahren in Russland geschrieben wurde. Wolos bearbeitet ein ebenso spannendes und aktuelles Thema – die prekäre Lage der Russen im postsowjetischen Tadschikistan. Der Autor weiss worüber er schreibt: Er wurde selbst 1955 in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe geboren; seit seiner Studienzeit lebt er in Moskau, wo er bisher Gedichte (1988), Erzählungen (1989) und Versübersetzungen aus dem Tadschikischen publiziert hat. Sein Roman „Churramobod“ wurde 1998 mit dem Anti-Booker Preis ausgezeichnet.

Der Roman als Novellenzyklus

Die eigentliche Qualität von Wolos’ literarischem Bericht aus Tadschikistan liegt aber nicht in erster Linie in der adäquaten Aufarbeitung einer schwierigen politischen Situation, sondern in der anspruchsvollen Komposition. Der Untertitel weist den Text als “Roman in punktierter Linie” aus. In der Tat ist “Churramobod” als loser Novellenzyklus aufgebaut und verfügt über keine durchgehende Handlung. Die zwölf Kapitel des Romans beleuchten schlaglichtartig einzelne Aspekte des tadschikischen Lebens nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Jedes Kapitel kann als eigenständige Erzählung gelesen werden. Die punktierte Linie, die sich durch den ganzen Roman zieht, lässt sich anhand der Personen verfolgen: Der Protagonist aus einem Kapitel kehrt im nächsten als Nebenfigur zurück. Im Zentrum von Wolos’ Roman steht das problematische Zusammenleben von Tadschiken und Russen. Da ist zum Beispiel der russische Wissenschaftler, der aus Moskau nach Tadschikistan gekommen ist und sich seinen kargen Lebensunterhalt als Pastetenbäcker verdient. Er kleidet sich tadschikisch, er spricht tadschikisch, er hat einen tadschikischen Namen angenommen, trotzdem bleibt das Stigma des Fremden an ihm haften: Als sich eine tadschikische Freiwilligenarmee zu bilden beginnt, wird er abgelehnt und als “Russenschwein” davongejagt. Wolos ist allerdings weit davon entfernt, den tadschikischen Nationalismus mit ausgestrecktem Zeigefinger als ungerecht zu entlarven. Seine Darstellung der orientalischen Exotik ist von einer tiefen Sympathie für die Lebensweise der Tadschiken durchdrungen. Deshalb erscheint in “Churramobod” die Ausgrenzung des anpassungswilligen Russen nicht in erster Linie als gewalttätige Willkür, sondern als Tragödie.

Heimatlosigkeit

Deutlich zeigt sich der rein literarische Impetus, der Wolos’ Text vorantreibt, in den letzten beiden Kapiteln. Hier steht das Schicksal zweier Rücksiedler im Vordergrund, die wegen antirussischer Ressentiments aus Tadschikistan nach Russland zurückgekehrt sind. Der Abschied von der südlichen Republik kommt für die Russen jedoch einer Trennung von Körper und Seele gleich – alle Vernunftsgründe sprechen für die Ausreise, gleichwohl hängen die Russen, die zu Fremden erklärt worden sind, an ihrer Wahlheimat. Die Vertreibung aus Tadschikistan verläuft wie ein Riss durch ihre Existenz – alles was vor kurzem noch vertraut erschien, wirkt nun nur noch abweisend und bedrohlich. Letztlich wird das ganze frühere Leben in Tadschikistan zu einem Phantom: Die Erinnerung verliert jegliche Wirklichkeitsqualität und verflüchtigt sich zu einem Traum. Um so härter nimmt die russische Wirklichkeit die Rückkehrer in Empfang: Eine lohnende handwerkliche Arbeit scheitert an einem brutalen Erpressungsversuch der Mafia; die Miliz wendet sich achselzuckend ab. Die schwierige Lage der aus Tadschikistan vertriebenen Russen reduziert sich auf ein einfaches Dilemma: Sie können weder abreisen noch ankommen.

Dramatische Informationsverteilung

Die beste Erzählung in „Churramobod“ trägt den Titel „Der erste von fünf“. Sie spielt im Milieu rivalisierender Freischärler, die durch den jahrelangen Bürgerkrieg zu gefühllosen Tötungsmaschinen geworden sind. Als Protagonist tritt in diesem Kapitel ein tadschikischer Warlord auf, der mit einer Panzerfaust seine eigene Familie umbringen musste, als sie in die Hände der Feinde zu fallen drohte. Mit wenigen Strichen zeichnet Wolos das Psychogramm eines Kriegers, der während seines Kampfes bereits alles verloren hat, wofür es sich zu kämpfen lohnte. Gerade dieser Umstand macht den Kommandeur zu einer gefürchteten Figur: Alle Skrupel sind von ihm gefallen, seine Drohungen setzt er mit gnadenloser
Konsequenz in die Tat um. Die literarische Überzeugungskraft dieser Erzählung beruht auf einer geschickten, fast dramatischen Informationsverteilung: Wolos schickt die persönliche Geschichte des Tadschiken dem eigentlichen Geschehen voraus. Fünf Russen geraten als Geiseln in die Hände des Kommandeurs, wissen aber – im Gegensatz zum Leser
– weder über den aktuellen Stand des Kampfes noch über die unerbittliche Strenge ihres Geiselnehmers Bescheid. Die Erzählung endet nüchtern mit der Frage eines Freischärlers: „Iwatschow, wer ist das?“ – der gefangene Russe meldet sich arglos, für den Leser hingegen ist klar, dass die erste Geisel exkutiert wird.

Vielstimmigkeit des Textes

Nicht alle Kapitel von „Churramobod“ strahlen diese Aura unterschwelliger Brutalität aus. Der Roman beginnt mit einer beinahe lyrischen Miniatur, in der ein Enkel seine Grossmutter zu einem Friedhof auf einer Anhöhe begleitet. Auf dem Weg erzählt die Grossmutter ihre Lebensgeschichte – ein narratives Ritual, das dem zur Gewohnheit gewordenen Gang
zum Grab ihres Ehemannes entspricht. Der mühsame Aufstieg wird dabei zur Metapher eines schwierigen Lebens in der Fremde. Wolos überblendet immer wieder seine eigene Schilderung mit den Worten der Grossmutter und des Enkels. Mit dieser Technik konstruiert er einen vielstimmigen Text, in dem sich Erinnerung und Gegenwart zu einem einheitlichen Sinnentwurf verweben.

Der dritte Weg

Wolos demonstriert mit „Churramobod“, dass es in der russischen Gegenwartsliteratur neben der überdrehten Turboprosa eines Pelewin und den larmoyanten Betroffenheitsbüchern alternder Sozrealisten einen dritten Weg gibt. Wolos hat zwar seine postmoderne Lektion gelernt, verfällt aber nicht in jenes oszillierende Textspiel, das jegliche Bodenhaftung verloren hat. Gleichzeitig kehrt die russische Literatur zu einer ihrer wichtigsten Bestimmungen zurück: „Churramobod“ liefert eine künstlerische Analyse drängender Gegenwartsprobleme. Nirgends aber findet man in diesem Roman billiges Moralisieren oder besserwisserische Erfolgsrezepte, die in Zeiten der allgemeinen Misere für gewöhnlich Hochkonjunktur haben. Wolos erzielt seine stärksten künstlerischen Effekte im Gegenteil dort, wo er das Wesentliche ungesagt bleiben lässt. Sein Text führt den Leser auf diese Weise behutsam an eine Problematik heran, die bestenfalls in Form einer Zeitungsmeldung ins westliche Bewusstsein dringt. Man darf „Churramobod“ als Ereignis in der russischen
Gegenwartsliteratur bezeichnen: Der Roman spielt souverän mit verschiedenen Stilebenen und überzeugt durch seine abwechslungsreiche und doch stringente Komposition. Mit dem Namen Wolos wird man auch in Zukunft rechnen müssen.

Ulrich M. Schmid
Andrej Wolos: Churramobod – Stadt der Freude.
Roman in punktierter Linie. Aus dem Russischen von
Albert Frank. Berlin Verlag, Berlin 2000. 400 S.
Fr. 42.–