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Maschas Glück - hr online.de 11/2007

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Von Menschen und Schicksalen
Ljudmila Ulitzkaja "Maschas Glück"

In ihren Geschichten erzählt Ljudmila Ulitzkaja von erstaunlichen Menschen und ergreifenden Schicksalen. Dabei gelingt es ihr, manchmal tatsächlich mit dem letzten Satz, den Episoden noch eine überraschende Wendung zu geben.

Langeweile kommt bei den außergewöhnlichen russischen Homestories nicht auf. Zu abwechslungsreich und vielschichtig sind die Figuren und Handlungen in „Maschas Glück“.

Von der Last der Schönheit erzählt beispielsweise Tanjas Geschichte. „Alle wollen nur meinen Körper, niemand will meine Seele“, fasst die junge Frau ihr Schicksal zusammen, um das sie so viele Menschen beneiden. Schönheit als Problem? Für Tanja schon, denn wie kann sie sich der Liebe und Freundschaft ihrer Mitmenschen sicher sein? Immer keimt in ihr der Verdacht, Verehrer könnten es nicht ernst meinen und seien nur an ihrem Äußeren interessiert.

Beinahe sieht es so aus, als gäbe es für Tanja kein Happy End, bis eines Tages Boris erscheint. Bei ihm ist sie sicher, dass Äußerlichkeiten keine Rolle spielen. Er liebt alles an ihr: ihre Intelligenz, ihren Witz, ihre Stimme – nur ihre Schönheit ist ihm gleichgültig, denn Boris ist blind. Wer nun jedoch glaubt, dass dies schon die Pointe der Geschichte ist, hat die Rechnung ohne Ljudmila Ulitzkaja gemacht – und ohne Tanjas Mutter. Der Autorin gelingt es tatsächlich, einen jahrelangen Mutter-Tochter-Konflikt in einen einzigen Satz zu legen. Und der Leser? Der schüttelt ebenso wie Tanjas Mutter den Kopf, allerdings aus anderen Gründen.


Geschichten der Leute von nebenan
Die russische Seele: Selbst in der Übersetzung scheint sie noch aus jedem Satz zu quellen. Ganna-Maria Braungardt ist es mit viel Sprachgefühl gelungen, dichte Stimmungen und geballte Ladungen Emotionen aus dem Original ins Deutsche zu retten. Auch in Fällen, in denen das tiefere Verständnis bei einigen Geschichten an kulturellen Unterschieden zu scheitern droht, bleibt am Ende doch die Freude an der Erzählweise und der eindrücklichen Schilderung der Charaktere.

Die Menschen, die Ljudmila Ulitzkaja beschreibt, sind dabei im Grunde die Leute von nebenan. Die einen stecken in einer unglücklichen Ehe, ein anderer hat sich ein Kuckucks-Kind unterschieben lassen, betrogene Partner, enttäuschte Geliebte. Die Geschichten sind nicht neu, doch wie die Akteure die Situationen meistern, das macht in „Maschas Glück“ die Besonderheit. Dabei wird selten gepoltert oder rebelliert, das ließe die feine, geradezu zärtliche Sprache der Autorin auch gar nicht zu. Die Wege sind subtil, die Lösungen ebenso – anrührend und ergreifend. Wer Action und knallharte Stories erwartet, wird sicher enttäuscht sein. Freunde leiserer Töne, die auch Zwischentönen nicht abgeneigt sind, werden mit „Maschas Glück“ auch ihr eigenes finden.

Vorgestellt von Caroline Wornath

Ljudmila Ulitzkaja "Maschas Glück"
Übersetzt von Ganna-Maria Braungardt
240 Seiten, 19,90 €
ISBN-10: 3446209255
Hanser Verlag, 2007