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Das Jerusalem-Syndrom (Daniel Stein in Freiburg theater) - nachtkritik.de, 15/05/2013 (German)

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Daniel Stein – Thomas Krupa hebt den 500-Seiten-Roman von Ljudmila Ulitzkaja auf die Bühne in Freiburg

Das Jerusalem-Syndrom

von Annette Hoffmann

Freiburg, 15. Mai 2013. Es ist ein Kreuz mit der Kirche. Im Kleinen Haus des Theaters Freiburg ragt ein Laufsteg in den Raum, die drei Zuschauerblöcke umgeben ihn wie ein U. Er hat die Form eines Kreuzes und stellt die Verlängerung der Kirche dar, deren Brettergerüst an der Wand steht (Bühne: Joki Tewes, Jana Findeklee). Ein Torbogen aus einfachen Holzlatten zusammengezimmert liegt auf dem Laufsteg, später wird er mit viel Bohei aufgestellt und zum Sinnbild der neuen Kirche.

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© Maurice Korbel

Das siebenköpfige, mit blauen Overalls bekleidete Ensemble trägt Umzugkartons herein und breitet Pelze, Ketten, alte Tageszeitungen und Geschirrtücher auf dem Laufsteg aus. Es sind Gegenstände des Alltags, schließlich geht es um das Leben der Gemeinde und ihrer Mitglieder, die alle ihre jeweilige Geschichte mitbringen. Dann werden die Kartons ordentlich wieder nach draußen gebracht. Auf den drei Projektionsflächen, die auch aus Holz sind, ist jetzt eine animierte Postkarte zu sehen: Boston 1986.

Glaube

Für Thomas Krupa ist "Daniel Stein" bereits der zweite Roman der russischen Autorin Ljudmila Ulitzkaja, den er für das Theater Freiburg inszeniert. Zusammen mit einer weiteren Romanadaption, "Gottes kleiner Krieger" nach Kiran Nagarkar, und einem Dokumentarstück, bildet es den Kern einer Themenwoche über den Glauben am Theater Freiburg. In ihrem knapp 500 Seiten umfassenden Text erzählt Ulitzkaja die Geschichte des Karmelitermönches Daniel Stein, der wie die Autorin auch vom Judentum zum Katholizismus konvertierte.

Ihr Roman beruht im Wesentlichen auf den Lebensumständen Oswald Rufeisens. Der begeistert sich als Jugendlicher für den Zionismus, will zusammen mit seinem Bruder nach Israel auswandern, zuvor jedoch besetzt die deutsche Wehrmacht Polen. Massaker finden statt, Erschießungen, Deportationen. Mit viel Glück und auch etwas List überlebt Rufeisen/Stein. Kurzzeitig arbeitet er für die Nationalsozialisten, er kämpft bei den Partisanen, dann kommt er bei katholischen Nonnen unter. Mitte der 1940er Jahre reist er, mittlerweile Mönch geworden, nach Israel aus, um dort eine urchristliche Gemeinde aufzubauen. Sie will die Unterschiede zwischen Juden und Christen überwinden und das mitten in den Spannungen des Nahostkonfliktes.

Buch

Ulitzkaja erzählt all das in einer Collagetechnik, die nicht eben subtil transportiert, dass wir es hier mit Protagonisten zu tun haben, deren Lebensläufe durch den Holocaust und die Ideologien des 20. Jahrhunderts gebrochen sind und dass sich Biografien überhaupt nur multiperspektivisch vermitteln lassen. Plastisch werden diese Menschen dadurch nicht. Die Lebenswege von Daniel Stein und aller Nebenfiguren sind zwar dramatisch, aber nicht unbedingt theatralisch. Auch eine gewisse Form des religiösen Rigorismus erzeugt jenseits von Kirchentagen und Bibelkreisen keinen Spannungsbogen.

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Victor Calero  © Maurice Korbel

Spiel

In Freiburg gibt Victor Calero seinen Daniel Stein als sanften Charismatiker mit durchaus weltzugewandten Zügen. Trifft er nach knapp 20 Jahren mit seinem Bruder (Konrad Singer) zusammen, spricht er in dessen jüdischem Haus ungeniert den christlichen Segen. Frank Albrecht schmiegt sich an den Bauch der Mutter (Stephanie Schönfeld) und ein anderes Kind übernimmt, die historischen Zusammenhänge erklärend, die Fußnoten in der Überlebenserzählung der Brüder. Eine Karte Israels wird als Projektion gegeben, ebenso die silbernen Löffel, die die Mutter den beiden gab, als sie sich das letzte Mal sahen.

Wird Steins Blick glasig, ist es Zeit für einen Rückblick. Dann vollzieht sich im Hintergrund eine Art Kasperletheater mit Nazis als Schießbudenfiguren in Uniformen und Strumpfmaske, die die Triangel klingen lassen und die hohen Stiefel aneinander schlagen, während die Musik (Sven Hoffmann) nach vorne drängt. Wenn der junge Daniel Stein (Heiner Bomhard) nach dem Massaker an der jüdischen Bevölkerung schreiend Gott nach dem Sinn fragt, ertönt Klezmer-Musik.

All das ist brav nacherzählt, Episches wird in Dialoge überführt, mitunter imitiert ein Schauspieler sein nicht vorhandenes Gegenüber. Doch weder trägt diese Inszenierung zu einer Analyse oder Zustandsbeschreibung des Nahostkonfliktes bei oder des "Wahns auf religiöser Basis", dem "Jerusalem-Syndrom", noch kommen die Figuren einem nahe. Und bei einer Dauer von dreieinhalb Stunden ist diese Inszenierung so gut gemeint, aber auch so quälend wie eine zu lange Predigt.

 

Daniel Stein
Schauspiel nach dem Roman von Ljudmila Ulitzkaja, Fassung: Heike Müller-Merten
Regie: Thomas Krupa, Dramaturgie: Heike Müller-Merten, Bühne, Kostüme, Video: Joki Tewes, Jana Findeklee, Licht: Cajus Ohrem, Musik: Sven Hoffmann.
Mit: Frank Albrecht, Heiner Bomhard, Victor Calero, Bozidar Kocevski, Mathias Lodd, Iris Melamed, Stephanie Schönfeld, Konrad Singer.

Dauer: 3 Stunden, 30 Minuten, eine Pause 


Kritikenrundschau

"Dramaturgin Heike Müller-Mertens hat sich mit Sorgfalt der Mühe unterzogen, aus Ulitzkajas vielschichtig collagiertem Roman, einer Art Spurensuche, einen spielbaren Bühnentext zu machen", schreibt Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (17.5.2013). Das Stück beinhalte zwar "gewaltigen politischen (Zünd-)Stoff", doch halte sich die Spannung bei allem Respekt vor dem Thema in Grenzen. Letztendlich wolle das Stück "zu viel für einen Bühnenabend", der Verlauf sei "zu erwartbar."

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.5.2013) rezensiert Martin Halter den Abend in einer Doppelbesprechung. Darin beschreibt er die Buchvorlage als "Romancollage mit historischen und fiktiven Dokumenten und fast vierzig Nebenfiguren". "Dem Regisseur Thomas Krupa fällt zu ihrem Heiligen nicht viel mehr als gottgefälliges Erzähltheater ein." Es gebe "eine Art Holocaust-Kasperletheater", aber "auch ein paar fromme Späßchen". Alles zusammen sei eine Art gutgemeinte Rinparabel zur Aussöhnung von Religionen und Nationen. "Für Nichtgläubige eher ein Martyrium.